Wir werden alle sterben!

Nicht sofort – zumindest die meisten – aber irgendwann. Für die, denen das Ganze zu überraschend kam sage ich das gerne nochmal: Wir werden alle sterben.

Die Diskussion um die Organspende hat es in den Mainstream geschafft. Momentan gestattet in Deutschland etwa jeder fünfte die Transplantation seiner Organe nach seinem Tod. Um diese Quote zu erhöhen, wird ein Opt-Out-System in Erwägung gezogen. Anders als jetzt, da nur Organe von Personen verwendet werden können, die sich die Zeit nahmen, einen Organspendeausweis auszufüllen, sollte die Spendebereitschaft stattdessen generell unterstellt werden, solange nicht zu Lebzeiten verfügt wurde, dass das gefälligst zu unterlassen sei.

Von Gegnern dieses Vorschlags bekommt man nun zu hören, dass dieses System nicht wirklich sinnvoll sei, da – so interpretiere ich das – durch eine Widerspruchslösung die Vorbehalte gegen Ärzte zunehmen würden. Wenn weitere Menschenleben davon abhängen, könnte es ja der Arzt nicht mehr so genau nehmen mit der Feststellung des Todes und Organhandel oder ähnlichem wäre Tür und Tor geöffnet. Oder etwas in der Art. So ganz habe ich ehrlichgesagt diese Argumentation nicht verstanden. Ich muss zugeben, dass ich in der Hinsicht auch eher zielorientiert denke. Wenn durch Opt-Out mehr zusätzliche Leute spendeten, die es einfach nur versäumten oder aus Bequemlichkeit unterließen, einen Ausweis auszufüllen, als bisher durchaus spendebereite Personen wegfielen, dann ist diese Regelung für mich sinnvoll. Leute, die solche Vorbehalte gegenüber Ärzten mit sich tragen werden zudem generell besser nicht krank. Man stelle sich doch nur einmal vor, man liege bewusstlos im Krankenhaus und hat es mit einem Arzt zu tun, der gerade einen Verwandten aufgrund eines nicht verfügbaren Spenderorgans verloren hat. Ob sich da nicht enormer Hass entwickelt, gerichtet auf alle seine Patienten, die keinen Spendeausweis mit sich führen.

Die Anti-Widerspruchslösungsforderungen ernten trotzdem Zuspruch. Eine etwas abgemilderte Variante wurde daraufhin vorgeschlagen. Statt eine Bereitschaft pauschal zu unterstellen, sollte eine klare Entscheidung jedes Bürgers bezüglich der Spendebereitschaft gefordert werden. Wenn es schon einen Mangel an Spenderorganen gibt, dann sollte wenigstens nicht die Trägheit der Masse dafür verantwortlich sein. Da kann ja jetzt keiner etwas dagegen haben, oder?

Dachte ich. Frank-Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, geht auch das zu weit. Jeder Mensch habe das Recht, sich mit seinem Lebensende nicht zu befassen. Da bin ich ja erst einmal baff, was wir alles für Rechte haben, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Ich frage mich auch, ob Montgomery ein Auto angemeldet hat, oder ob er die obligatorische Haftpflichtversicherung auch ablehnt. „Jeder Mensch hat das Recht, sich nicht mit den Konsequenzen eines möglichen Unfalls auseinanderzusetzen.“

Am meisten frage ich mich aber, was das für Leute sind, die sich so dermaßen dagegen sträuben, über den Tod nachzudenken. Es muss ja nicht jeden Tag sein. Oder was eventuell viel spannender sein dürfte: Was das wohl für Gründe sind, sich dermaßen dagegen zu sträuben. Was für eine kranke Gesellschaft haben wir, wenn wir vor so etwas alltäglichem so eine extreme Phobie entwickeln? Ob es sich hierbei um die Einflüsse von Religion handelt? Haben wirklich Leute Angst vor dem Tod wegen den Geschichten über das Rechenschaft-Ablegen und die Hölle? Wobei es für die sicher besser wäre, sich einen Organspendeausweis zu besorgen. Einleuchtend erscheint mir ja noch die Sorge um die Hinterbliebenen. Aber auch hier widerspricht mir die Empathie, sich um andere zu sorgen der fehlenden Empathie, im Zweifelsfall nach dem Tod noch Leben zu retten. Nicht sofort, aber irgendwann.

Und für den Fall, dass es hier noch Nichtspender gibt, die fünf Minuten Zeit opfern, um Leben zu retten, gibts hier nochmal den Link. Ausfüllen und gut ist. Ganz ohne Nadelstiche.

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6 Gedanken zu „Wir werden alle sterben!

  1. Schau mal an. Das ist ein Thema, zu dem ich einfach nicht schweigen kann, obwohl ich vielleicht öfter sollte.
    Da bin ich fundamentalist.
    Mir ist die Widerspruchslösung nicht nur nicht zu extrem, sie ist mir nicht extrem genug.
    Ich erkenne das Recht eines Menschen nicht an, nach seinem Tod seine Organe verrotten zu lassen, wenn sie die Leben anderer retten könnten. Oder wie es kürzlich ein offenbar kluger Kommentator ganz woanders sehr schön knapp formulierte: Your water belongs to the tribe.

  2. Mir fällt gerade auf, dass so ziemlich alle Elemente im Artikel und mehr bereits vor Monaten bei dir zu lesen waren. Simpsons did it.
    Verpflichtende Organspende klingt für mich eigentlich auch recht schick. Bis dahin haben wir aber wohl noch einen weiten Weg. Es ist irgendwie traurig, dass sich das Retten anderer Menschen, das bei Unterlassung zu Lebenszeiten mit Haftstrafen geahndet wird, nach dem Tod offenbar so einen schlechten Ruf genießt und kaum wahrgenommen wird. Obwohl es im Gegensatz zum aktiven Lebensretten weder mit Zeitverlust noch mit körperlicher Anstrengung verbunden ist.

    Es freut mich, mal Bekanntschaft mit einem Fundamentalisten zu machen. Bisher war ich der Meinung, so eine Begegnung sei äußerst unangenehm.

  3. @Travios: Ich finde eigentlich schon, dass du der Sache neue Facetten abgewonnen hast. Und dass die Zwangslösung zurzeit nicht durchsetzbar wäre, denke ich.
    Obwohl mir nach wie vor schleierhaft ist, wie es einem Menschen so wichtig sein kann, vollständig zu verfaulen, dass er dafür ernsthaft andere Leute sterben zu lassen bereit ist. Ich könnt mich schon wieder aufregen. Mach ich aber nicht. Einen positiven Eindruck hinterlasse ich ja selten genug.

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