Darfs noch etwas mehr sein?

Ich bin so frei, eine Art Testbericht zu schreiben. Getestet wurde kein Produkt sondern eine Dienstleistung. So in der Art zumindest. Ich habe mich nämlich in die gefährliche Situation begeben, einem Vortrag (a. k. a. „Werbeveranstaltung“) über alternativmedizinische Behandlung beizuwohnen, der in der näheren Umgebung gehalten wurde. Genauergesagt geht es um einen Vortrag einer Heilpraktikerin über Schüßler-Salze.

Lange war ich am Überlegen, ob ich mir das wirklich antun sollte, da ich von der Veranstaltung über eine Anzeige der Katholischen Erwachsenenbildung – ja, so einen Verein gibt es wirklich – erfuhr und der Veranstaltungsort ein „Pfarrstüberl“ war, aber ich bin dann doch hin. Mir ging es jedoch weniger um das Produkt als um die Art und Weise, wie Kunden für solche Produkte akquiriert werden. Hier ist mein etwas lang geratener Bericht.

Dass ich den Altersdurchschnitt wohl drücken würde, davon ging ich bereits aus. Überrascht war ich beim Betreten aber erstmal vom hohen Frauenanteil im Saal. Bis zu meinem Eintreffen betrug dieser nämlich 100%. Letztendlich war bei den 40 Anwesenden noch ein weiterer Herr dabei, der aber den Eindruck erweckte, eher widerwillig von seiner Ehefrau mitgeschleppt geworden zu sein. Die etwas langweilige Erklärung für die Frauenquote ist, dass die Heilpraktikerin vom Frauenbund eingeladen wurde. Ob die Einladung vom Verein ausging oder ob sich die Vortragende aktiv darum gekümmert hat ist mir nicht bekannt. Aus der Raumauslastung und der Tatsache, dass sich die (meisten?) Teilnehmer untereinander gut zu kennen schienen, schließe ich hoffnungsvoll, dass die Zuhörer sich nur routinemäßig zum geselligen Beisammensein zusammenfanden und nicht primär wegen dieser Veranstaltung anreisten. Ich nahm übrigens nicht die Rolle des Advokat des Teufels ein. Mein Auftreten als dreifacher Außenseiter (jung, männlich, mit keinem anderen Bekannt) war mir schon unangenehm genug. Dass in so einem Fall andere das „des Teufels“ wörtlich interpretieren, wollte ich nicht riskieren.

Mich erstaunte, dass die Veranstaltung keine Erklärung der Methode oder „Wirkweise“ enthielt. Jetzt muss ich mir aber eingestehen, dass es eine äußerst törichte Vermutung war, ein Alternativmediziner fahre seine kompletten Geschütze auf, wenn er auf keine Defensive stößt. Was Schüßler-Salze sind, schien das Publikum schon zu wissen. Ein Teil berichtete im Laufe des Abends auch von gemachten Erfahrungen. Nachdem sich erkundigt wurde, welche Fragen sich die Zuhörer am Ende des Tages beantwortet wünschen, ging es sofort mit der Erwähnung der zwölf Hauptsalze weiter, deren Anwendungen Stück für Stück heruntergerattert wurden.

Im Allgemeinen konsultiere ich bei Themen die Esoterik und Alternativmedizin betreffend Psiram (hier der Artikel). Dass im Fall der Salze bereits der Wikipedia-Artikel recht beißend ist und daraus relativ wenig pro Schüßler-Salze steht, finde ich erheiternd. Die darin erwähnte grundlegende Abneigung zwischen Homöopathen und Vertretern der Lehre Schüßlers trifft aber anscheinend nicht auf Heilpraktiker zu. Diese haben keinerlei Probleme, beide „Behandlungsmethoden“ gleichzeitig im Sortiment zu führen. Die doch recht enge Verwandtschaft beider Verfahren zeigt sich aber durchaus. So gibt es etwa Tabletten und Globuli, in denen der „Wirkstoff“ in potenzierter (also verdünnter) Form vorhanden ist. Der Widerspruch darin, dass bei der Homöopathie eine höhere Potenzierung – also weniger Wirkstoff – wirksamer ist, bei den Schüßler-Salzen jedoch ein angeblicher Mineralhaushalt durch Salze aufgefüllt werden muss, die das entsprechende Mineral enthalten, wurde bewusst oder unbewusst umgangen. So benötigen angeblich Patienten mit stärkeren Beschwerden mehr Tabletten, die Potenzierung richte sich jedoch nach dem „Typ von Mensch“. Anders als bei der Homöopathie ist laut einem in weiser Voraussicht ausgelegten Prospekt eines Herstellers mit Preisliste der Preis für die gleiche Menge verschiedener Potenzierungen der selbe. Wenigstens braucht sich der Patient also keine Sorgen machen, der benachteiligtere Typ von Mensch zu sein.

Der Mineralhaushalt wurde häufiger erwähnt. Besonders bei Magnesium. Magnesium-Killer seien vor allem PC-Arbeit, Fernsehen und Handy. Wegen der Strahlung natürlich. Und vor allem die Jugend habe heutzutage „einen Magnesiumspiegel zum Sau grausen“. Das sei selbstverständlich wissenschaftlich nachgewiesen. Ob das mit dem Nachweis stimmt, darüber ist mir nichts bekannt. Mir fällt allerdings auf, dass sich Alternativmediziner nur sehr gerne auf wissenschaftliche Methoden berufen, wenn sich daraus Möglichkeiten generieren lassen, neue Kunden zu akquirieren. Dass es den Jugendlichen heutzutage an Magnesium mangelt, das wird dementsprechend wohlwollend zur Kenntnis genommen. Verschwiegen wird hingegen, dass Wissenschaftler ernsthafte Zweifel daran haben, dass die paar Nanogramm, die durch die Salz-Tabletten aufgenommen werden, merklich dazu beitragen, den Bedarf letztendlich zu decken. Die Nanogramm sind sogar noch großzügig gerechnet. Es handelt sich bei Schüßler-Salzen nämlich nicht um reine Salz-Tabletten, sondern um Verdünnungen von eins zu einer Million, eins zu einer Millarde und eins zu einer Billion. Homöopathen sind mir in der Hinsicht lieber. Sie haben wenigstens noch ein ehrlich-esoterisches Wirkprinzip und geben sich nicht mit so halbgarem Müll ab.

Wesentlich großzügiger ist man beim Salz in anderer Hinsicht. Als es um die letztendliche Dosierung ging, flogen floskelartig Begriffe wie „drei mal drei, drei mal vier“ durch den Raum. Bis ich überrissen hatte, dass es sich um die einzunehmende Tablettenzahl handelt, dauerte es etwas. Ich bin noch weit vom Rentneralter entfernt. An mehr als zwei Tabletten pro Tag kann ich mich daher selbst bei meinen bisher schwersten Erkrankungen nicht erinnern. Bekanntlich steigt im Alter der Medikamentenbedarf. Aber ein Dutzend Tabletten pro Tag allein von einem Präparat? Das Präparataufnahme-Ritual für den Placebo-Effekt wird hier etwas überreizt. Und es ist nicht so, dass das die obere Grenze wäre. Für den Fall, dass man sich eine Erkältung zugezogen hat und bereits reif fürs Bett ist, wurde den Teilnehmern empfohlen, nicht mehr dreimal täglich Tabletten zu schlucken, sondern jede halbe Stunde. Vielleicht soll man auf die Weise doch noch den Mineralbedarf decken.

Nun hat der durchschnittliche Rentner aber vielleicht nicht nur ein Leiden. Eine Äußerung am Anfang des Vortrags, man solle eine zweite Art Tablette nicht nehmen, wenn man bereits bei von den ersten Herumgereichten welche probiert habe, da sich diese gegenseitig in der Wirkung auslöschen, wurde schnell zurückgenommen. Später sollte gemeint gewesen sein, dass der Patient ja nicht mehr wisse, welches der Salze geholfen hätte, nähme er mehrere zu sich. Aber so zwei, drei gingen schon. Drei bis vier vielleicht. Naja, bis zu fünf Salze könne der Laie schon noch zu sich nehmen. Erst bei mehr brauche man einen erfahrenen Heilpraktiker. Das war nicht das einzige Mal, bei dem ich an den Monty-Python-Sketch über die Spanish Inquisition denken musste: „Our chief weapon is surprise. surprise and fear, fear and surprise… Our two weapons are fear and surprise… and ruthless efficiency…“. Wenn man eine gute Woche hat, ist es wohl durchaus üblich, 150 Tabletten zu schlucken.

Ein weiterer Punkt, der mir bei Homöopathen wesentlich besser zusagt, als bei diesen Tablettenhändlern: Mein Eindruck von Homöopathen ist der, dass sie hauptsächlich konsultiert werden, wenn wirklich eine Krankheit vorliegt. Die Schüßler-Salze sollen hingegen der Kundschaft auch zur Prophylaxe angedreht werden. Den hohen Tablettendruchsatz haben also nicht nur kranke Menschen, sondern auch Gesunde. Allerdings wird die Grenze zwischen gesund und krank sehr großzügig ausgelegt. In der jedem Teilnehmer ausgeteilten Liste der verfügbaren Salze sind Elemente wie Angst vor dem Zahnarzt, Grübelei, Heimweh, negative Gedanken, Schreckhaftigkeit und schlechte Laune. Da hat man doch gleich Lust, sich eine Handvoll Tabletten einzuwerfen. Und gegen Abhängigkeitsmuster gibt es auch ein Salz. Wenn das keine Ironie ist…

Nebenwirkungen hätten Schüßler-Salze im Gegensatz zur Homöopathie (von der ich bisher offensichtlich irrtümlich annahm, sie sei nebenwirkungsfrei) keine. Effekte wie die anfängliche Erstverschlimmerung gibt es hier nicht. Eine Zuhörerin erkundigte sich, wie es mit Wechselwirkungen aussieht. Alle Medikamente für die sich die Zuhörerin interessierte („Blutdruck“, „Schmerzmittel“, etc.) seien – wer hätte das gedacht? – ohne Probleme gemeinsam mit Schüßler-Salzen einzunehmen. An der Stelle wäre ich wirklich interessiert an einer Reaktion auf die Frage gewesen, welche Medikamente denn dann Wechselwirkungen mit den Salzen verursachten.

Ein Letztes, das ich noch erwähnen will: Mich fasziniert, dass esoterische Elemente fast nur in Gruppen anzutreffen sind. Mir ist keine Person bekannt, die sich auf ein einzelnes dieser Verfahren beschränkt. In der Umgebung sind mir drei Tierärzte bekannt – soweit ich weiß: richtige Ärzte und kein Heilpraktiker-Abklatsch. Zwei davon verschreiben homöopathische Lösungen. Einer der beiden pendelt die Präparate, die er verschreibt, vorher aus. Vom anderen erfuhr ich letztens, dass dieser in der Verwandtschaft für Vorträge über Heilzeichen warb. Ein Verfahren, bei dem auf der Haut bestimmte Symbole in bestimmten Farben aufgemalt werden, und alles wird wieder gut. Dass auch unsere Schüßler-Heilhomöopathin auf das Pendeln und „die Rute“ zurückgreift, muss ich wohl nicht extra erwähnen.

Am Ende des etwa zweistündigen Vortrags schienen fast alle Fragen beantwortet. Bei mir zumindest blieb nur eine offen, die ich mir bei solchem Gesindel aber immer wieder stelle: Sind das alles Abzocker, oder glauben solche Leute wirklich an das Zeug?

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4 Gedanken zu „Darfs noch etwas mehr sein?

  1. „These people are not plying a skill,
    they’re either lying or mentally ill.“
    Tim Minchin kann man ja auch nicht oft genug zitieren.
    Ich selbst habe den Eindruck, dass die ganz überwiegende Mehrzahl der Leute wirklich dran glaubt, auch Priester und Astrologen und so.
    Ist nach meiner Erfahrung eine universelle Faustregel, dass man auf Unterstellung bösen Willens getrost verzichten kann, wenn Dummheit als Erklärung ausreicht.

  2. Danke für den Verweis, Muriel. Für die Nichteingeweihten: Es handelt sich um Tim Minchins „Storm“ – wahrscheinlich das Lieblingsgedicht eines jeden Skeptikers. Jedem, der es noch nicht kennt, rate ich, es sich zu Gemüte zu führen.

    Und einen will ich noch oben drauf geben: Dara O’Briain zieht in seinem Programm ebenfalls über Alternativmediziner & Co. her.

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