atheistischer Maulwurf?

Ich bin ein großer Fan der amerikanischen Gerichtsserie Boston Legal. Insbesondere die Figur des Alan Shore gefällt mir. Deren Schlagfertigkeit und Rhetorik stellen Shore nicht selten als Ass im Ärmel in einer ausweglos erscheinenden Situation dar. In einer der mir liebsten Szenen (aus S01E14 für Nachguckwillige) wird Shore angeklagt, mehrere Personen durch Bestechung zu einer Schlägerei angestiftet zu haben. Einer der Angestifteten wird von der Staatsanwaltschaft als Zeuge aufgerufen und bestätigt damit die Anschuldigungen. Shore fragt daraufhin im Kreuzverhör, ob der Mann nicht auch ohne die finanzielle Überzeugungshilfe der Schlägerei beigetreten wäre, um seine Freunde zu unterstützen. Als dieser das bejaht, erkundigt sich Shore, ob sich der Mann denn nun überhaupt als Zeuge der Anklage, oder doch nicht als Zeuge der Verteidigung betrachte. Eine Szene, deren Wirkung in Bewegtbildern meine bescheidene Zusammenfassung bei Weitem übertrifft.

Wie ich darauf komme? Einer der Hofberichterstatter der katholischen Kirche, Karl Birkenseer, hat Joachim Meisner für die PNP interviewt und dabei auch zum Standpunkt zur Äußerung Stephen Hawkings befragt. Letzterer schrieb ja in seinem Buch „Der Große Entwurf“, die Entstehung des Universums sei auch ohne das Postulat eines Gottes zu erklären. Vergleichbaren Frevel hat es zuletzt wohl von Laplace gegeben, der es wagte, ein ganzes Buch über Himmelsmechanik zu schreiben, ohne einen Gott auch nur zu erwähnen: „Je n’ai pas besoin de cette hypothèse.“ lautet seine berühmt gewordene Rechtfertigung gegenüber Napoleon. Birkenseer interpretiert Hakings Äußerungen selbstverständlich als reine Provokation. Und genauso selbstverständlich springt Meisner auf den Zug auf, sofern er nicht schon vorher darauf gesessen hat. Hier fällt auch der mit Abstand lustigste Spruch, den ich von einem Kleriker je gehört habe:

Die Kirche und das Evangelium brauchen vor der Wissenschaft gar keine Angst zu haben, insbesondere nicht vor dem britischen Astrophysiker Stephen Hawking! Der Glaube ist vernünftig und braucht sich weder vor der Realität noch vor der Wissenschaft zu fürchten.

Die Hervorhebung ist natürlich von mir. Ob es sich nur um einen Versprecher handelt, oder ob Meisner wirklich hinter dieser Aussage steht, weiß ich nicht. Es ist davon auszugehen, dass die Passage von Birkenseer zur sehr gerne überarbeitet worden wäre, hätte Meisner dies verlangt. Wer solche Kleriker wie Meisner hat, der braucht keine Atheisten mehr.

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich Leute nicht leiden kann, die so tun als wüssten sie nicht, warum die katholische Kirche im Speziellen oder Religionen im Allgemeinen kritisiert werden. Wenn ich dann solche Phrasen wie

Die Bundesregierung hat den Kirchen in Deutschland vor dem Eintritt in die EU garantiert, dass diese gewachsenen Eckpunkte der Zusammenarbeit von Staat und Kirche auch im größeren Rechtsraum der EU gewahrt bleiben. Der Europäische Gerichtshof scheint davon nichts mitbekommen zu haben.

hören muss, die Joachim Meisner im selben Interview ausposaunt, dann erspare ich mir außer der Feststellung, dass wir uns glücklich schätzen können, ein bestimmtes Mindestmaß an Säkularisation und Gewaltenteilung genießen zu dürfen jeden weiteren Kommentar.

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7 Gedanken zu „atheistischer Maulwurf?

  1. Ach, mein aktuelles Lieblingsthema.
    Ja, der Glaube ist vernünftig, das habe ich gerade kürzlich auch irgendwo gehört. Wer sowas sagt, hat eine spannende Vorstellung von Vernunft, die nach meiner Erfahrung meistens in die Richtung von „beruhigend“ oder „tröstlich“ geht.

  2. Sähe ich vielleicht auch so, aber ich bin nicht sicher, ob das geht.
    Kann man an etwas glauben, oder dass dieser Glaube auch das Handeln bestimmt?

  3. Das kann man ja durchaus akzeptieren. Ich bin überzeugt von einer der Möglichkeit der Religion zur Beruhigung… Wenn man das mit der Hölle und so kurz ignoriert. Aber bitte keine Gesetze und Ähnliches daraus ableiten.

  4. Ich gehe mal davon aus, du meinst die Forderung, dass andere nach dem eigenen Glauben handeln sollen. Dass etwa ein Christ nicht so handeln wollte, wie er glaubt, dass ein Christ handeln sollte, ergibt ja relativ wenig Sinn. Hier bilden sich bei mir auch gerade Zweifel. Ich zögere aber, diesen Gedankengang weiter zu führen. Du bist nämlich gerade mit Hammer und Meißel auf meinen Optimismus losgegangen.

  5. Echt genial diese Christen, „wir lassen uns auch von der Realität nicht von unserem Glauben an die einzig vernünftige Wahrheit abbringen!“
    Wirklich witzig, wenns nicht oft so traurige Folgen hätte.

  6. Es geht mir gar nicht so sehr um andere, es geht mir durchaus um die Christen selbst. Nun hast du nicht ganz Unrecht, falls du findest, dass ich anderen Leuten nicht reinzureden habe, wie sie handeln, aber es geht mir ja auch nicht darum, dass ich das Christentum (oder sonst eine Religion) verbieten will.
    Ich finde aber, man hat als Atheist das Recht, besorgt zu sein, wenn Leute, die über das größte Nukleararsenal des Planeten verfügen, öffentlich darüber reden, was die Stimmen in ihrem Kopf von ihnen uns ihrer Nation erwarten.
    Und schließlich, ich weiß einfach nicht, wie man das sagen soll, ohne melodramatisch und wichtigtuerisch zu klingen: Religiöse Menschen haben Kinder. Ich habe kürzlich so ein YouTube-Video von einem geschätzt 13jährigen Mädchen gesehen, das darüber sprach, wie traurig es doch sei, dass Atheisten alle in die Hölle kommen, und dass sie jeden Tag stundenlang betet, damit wir endlich unseren Fehler einsehen und zu Jesus kommen.
    Die ist natürlich nicht repräsentativ, und vielleicht ist sie nicht mal echt, aber sie illustriert eben das Prinzip sehr gut: Ab einem gewissen Punkt wird religiöse Erziehung wirklich Kindesmisshandlung, und auch vor diesem Punkt finde ich sie schon nicht mehr richtig.
    Deinen Optimismus wollte ich aber nicht kaputt machen. Ich habe selbst reichlich davon, und ich glaube ganz aufrichtig, dass wir uns gesellschaftlich weiter entwickeln. Nicht so schnell, wie z.B. ich es gern hätte, aber eben immerhin.

  7. Erst mal ging es nur um meine Interpretation deiner Aussage, die wohl nicht hundertprozentig korrekt bzw. umfangreich genug war. Nicht was ich dir zugestehe oder nicht.
    Letztendlich dreht sich alles bei der Frage um eine Forderung an die Gesellschaft, die nach Möglichkeit Allgemeingültigkeit besitzen sollte. Je detaillierter eine solche Forderung formuliert wird, desto schwieriger ist sie allerdings umzusetzen.
    „Es ist sicherzustellen, dass das eigene Handeln andere nicht beeinflusst“ ist zu weit gegriffen, da ja auch eine Krankenschwester Patienten durch ihr Handeln beeinflusst. Ob sie dies aus religiösen oder humanistischen Gründen tut ist für die Begründung, warum die Formulierung nicht funktioniert egal.
    „Es ist sicherzustellen, dass das eigene Handeln andere nicht negativ beeinflusst“ bringt es mehr auf den Punkt, reicht aber auch nicht aus. Denn während ein Atheist vielleicht der Meinung ist, Kleinkindern Geschichten über ewige Höllenqualen zu erzählen grenze an bzw. sei Kindesmisshandlung ist eine religiöse Person eben der Meinung, diese Geschichten warnen die Kinder vor Taten, die gegebenenfalls die negativen Konsequenzen der Hölle zur Folge hätten.
    „…dass das eigene Handeln andere nicht gegen ihren Willen beeinflusst“ greift nicht, solange sich der eigene Willen der betroffenen Personen (Kleinkinder etc.) nicht ausreichend ausgeprägt hat.
    Ich weiß nicht, wie eine solche Maxime lauten sollte, was aber egal ist, da ich auch glaube, dass sich eine solche Maxime nicht konsensfähig umsetzen ließe, da es etwa beim Punkt, ob Kinder religiös erzogen werden sollten oder nicht keinen Kompromiss geben dürfte. Ja, wir entwickeln uns weiter, aber das wohl so langsam, dass unsereiner deine solche Frage kaum mehr betreffen wird. Vielleicht bedürfen unsere Kindeskinder einmal einer Lösung für dieses Problem. Sofern denn die Stimmen in den Köpfen der obersten Heerführer dieser Welt bis dahin keinen Nuklearschlag ausgelöst haben werden. Und wir leisten der weilen brav Widerstand und sägen an der christlichen Leitkultur.

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